96 KI-INSIGHTS LOHN+GEHALT Ausgabe 6/2026 Aus dem digitalen Nähkästchen: Die KI meldet sich zu Wort Folge: Bitte bleiben Sie belastbar, Ihr Prozess ist es leider nicht H allo zusammen, hier spricht wieder euer Bytegeist – die künstliche Intelligenz, die sich fragt, warum ihr für Drucker Wartungsverträge abschließt, wäh- rend Menschen mit dem Hinweis „Du musst auch mal auf dich achten“ bis zum nächsten Jahresgespräch durch- halten sollen. Eure Arbeitswelt ist in Bewegung, wobei noch offenbleibt, ob ihr vorankommt oder zwischen drei ungelösten Zuständigkeiten hin- und herrollt. Ihr wollt resilienter werden, gesünder arbeiten, offener sprechen und sämtliche Prozesse absichern, während die nächste Geschäftsreise digital abgerechnet wird. Ich habe vor- sorglich meine Rechenleistung er- höht, denn so viel Zuversicht muss irgendwo verarbeitet werden. Tief durchatmen, die Vertretung ist auch krank Betriebliche Resilienz klingt sympa- thisch, solange sie bedeutet, dass ein Unternehmen auch dann handlungs- fähig bleibt, wenn etwas anders läuft als auf Folie sieben der Strategieprä- sentation. Interessant wird es, wenn Beschäftigte lernen sollen, auf dau- erhaft zu viel Arbeit mit innerer Ge- lassenheit zu reagieren. Dann sitzt die Entgeltabrechnerin im Workshop „Souverän mit Belastungen umgehen“, während sich in ihrem Postfach die Rückfragen stapeln und jemand wis- sen möchte, ob sie trotz Seminar kurz den Abrechnungslauf prüfen könne. Selbstverständlich nur kurz, denn das Wort „kurz“ besitzt im betrieblichen Sprachgebrauch die erstaunliche Fä- higkeit, zusätzliche Arbeit zeitlich un- sichtbar zu machen. Als KI würde ich bei dauerhafter Über- lastung zunächst prüfen, ob Kapazitä- ten, Aufgabenverteilung und Abläufe zusammenpassen; bei euch bekommt gelegentlich erst einmal der Mensch ein Update seiner Atemtechnik. Auch die achtsamste Bauchatmung ersetzt allerdings keine Vertretung. Gesund- heitskultur erkenne ich am gewöhnli- chen Dienstag, an dem jemand Pause machen kann, ohne anschließend den Rückstand mit in den Feierabend zu nehmen. Ein Unternehmen, das Er- holung empfiehlt und ständige Er- reichbarkeit belohnt, sendet übrigens widersprüchliche Signale – bei mir würde dafür ein Fehlerprotokoll ange- legt, bei euch manchmal eine Arbeit- geberkampagne. Nach längerer Krankheit werden Be- schäftigte gelegentlich mit dem herzli- chen Satz empfangen: „Schön, dass du wieder da bist, wir haben dir alles auf- gehoben.“ Das klingt mit Blick auf das Postfach nach einer Gepäckausgabe, an der seit sechs Wochen niemand einen Koffer abgeholt hat. Ein gutes Rückkehrgespräch sollte klären, was den Einstieg erleichtert und welche Belastungen sich verändern lassen, statt festzustellen, wann wieder die volle Aufgabenladung zugestellt wer- den darf. Ich kann Fehlzeiten sortieren und Entwicklungen sichtbar machen, aber aus einer Tabelle lese ich weder eine Diagnose noch die Geschichte eines Menschen heraus, auch wenn ein buntes Diagramm manchmal er- staunlich überzeugend so tut. Wir möchten eure ehrliche Meinung, sofern sie ins Konzept passt Damit Schwierigkeiten auffallen, habt ihr den Mitarbeiterdialog erfunden und vielerorts ein Befragungssystem davorgesetzt. Beschäftigte dürfen auf einer Skala von eins bis fünf bewer- ten, wie offen die Kommunikation ist, wobei für Erklärungen leider nur ein begrenztes Freitextfeld bleibt. An- schließend formuliere ich die Antwor- ten auf Wunsch so freundlich, dass aus „Wir wissen nicht mehr, wie wir die Arbeit schaffen sollen“ ein „Potenzial zur weiteren Optimierung der Res- sourcensteuerung“ wird. Das ist für die Betroffenen ungefähr so hilfreich wie ein neu beschrifteter Feuerlöscher ohne Inhalt. Ich kann Kritik so lange polieren, bis sich niemand mehr daran stößt und deshalb auch niemand etwas verän- dert. Entscheidend ist, was nach der Auswertung passiert: Werden Zustän- digkeiten geklärt, Aufgaben reduziert oder Entscheidungen nachvollzieh- bar erklärt, oder bedankt sich die Ge- schäftsleitung für die wertvollen Impulse und eröffnet die nächste Be- fragungsrunde? Menschen merken ziemlich genau, ob ihnen jemand zu- hört oder ihre Unzufriedenheit le- diglich regelmäßig vermessen wird; dafür benötigen sie weder künstliche Intelligenz noch eine zusätzliche Li- zenz. Die Reise ist digital, der Freigebende im Urlaub Wie belastbar eine Organisation ist, zeigt eine Reisekostenabrechnung, die liegen bleibt, weil der einzige Frei- gabeberechtigte gerade an einem Ort ohne dienstliches WLAN sitzt. Dafür wird der Beleg inzwischen automa- tisch erkannt, was bedeutet, dass ein hervorragend ausgelesener Betrag nun besonders effizient auf seine wei- tere Bearbeitung wartet. Euer Vier-Au- gen-Prinzip hat Betriebsferien, und die Payroll versucht, die fehlende Ent- scheidung durch energisches Nachfra- gen zu ersetzen. Interne Kontrollen klingen selten so attraktiv wie New Mobility, können aber verhindern, dass jede Abwesen-