LOHN+GEHALT Ausgabe 4/2026 FOKUS 25 und Einbindung in die Benutzer- oberflächen trotzdem künstlich, aber eben versteckt und nicht offensicht- lich wahrnehmbar konsituieren. Die- se These, dass KI ein eigenständiger Akteur und kein Werkzeug sein soll, verursacht sowohl in der Fachwelt als auch in den Medien weiterhin hefti- ge und konstante Kontroversen. Aber gerade die aktuellen Diskussionen zei- gen, wie immens wichtig in diesem Zusammenhang Ethik- und Moralde- batten sind. Denn sollte „alles“ erlaubt sein, nur weil es möglich ist? Falsche „Verantwortungsdiffusion“ Ein Hauptkritikpunkt sei laut Latour eben die Unterstellung einer fehlen- den Intentionalität und eines fehlen- den Bewusstseins mit der Begrün- dung, ein System, das statistische Wahrscheinlichkeiten berechnet, habe keinen eigenen Willen, kein Bewusst- sein und keine Absichten. Da genera- tive KI-Modelle Daten nicht lediglich transportieren, sondern eigenstän- dig rekombinieren, filtern und neue Realitäten erzeugen können, hät- ten sie im Sinne von Bruno Latour die Möglichkeit, als vollwertige und im „schlimmsten Falle“ sogar eigenstän- dige Mitspieler im Netz teilzuneh- men. Genau diese Szenarien machen ein Handeln in Richtung Konsens (und gleichermaßen „Panikpräventi- on“) notwendig, um nicht irgendwann sogar in eine Art von (gewollter) Ver- antwortungsdiffusion zu driften, in der die KI zum „Akteur“ erklärt wird, um Tech-Konzerne und Entwickler zu entlasten – in Form einer moralischen und rechtlichen Generalabsolution für fehlerhafte oder diskriminieren- de System-Phänomene. Frei nach dem Motto: „Die KI hat es so entschieden.“ Der „edle“ Entlaster? Auf der Messe Zukunft Personal im Frühjahr 2026 zeichnete Profes- sor Wolfgang Wahlster dagegen ein anderes und weniger beängstigen- des Bild, das aber doch sehr star- ke Komponenten an Alltagseingrif- fen mit sich bringt und der KI genau in den Bereichen große Stärken „attes- tiert“, wo der Mensch sich bisher in seiner „unschlagbaren“ Domäne sicher gewähnt hat. Da ging es um bereits wegweisende Entwicklungssprün- ge der künstlichen Intelligenz, indem emotionale und soziale Intelligenz in Dialogsystemen, Avataren und Robo- tik eingesetzt werden könnte, und da- rum, wie sich die Technik in Zukunft so gestalten lässt, dass sie Menschen im Alltag, bei der Arbeit und in der Bildung spürbar entlastet. Professor Wahlster plädiert hier für „die empa- thische KI als Schlüssel“, mit dem Ziel und der Einsatzmöglichkeit, dass Sys- teme Menschen verstehen, ihren Zustand erkennen und angemessen reagieren. Sein Ansatz gestaltet sich multimodal über Sprache, Mimik, Ges- tik und Kontext. Bisher sei die KI ja ganz schwach im Vergleich zum Men- schen gewesen, sei ja doch dort sehr lange Zeit die emotionale Intelli- genz verortet worden und festgehan- gen. Trotz aller Deepfake-Furcht und den nicht unerheblichen Ängsten vor Kontrollverlust verortet er die nächs- te große Aufgabe für den Einsatz von KI für den Menschen – mit der Vor- aussetzung des Einsatzes für adaptive Interaktion und des Einsatzes in vielen relevanten Feldern – alles unter der Prämisse der maximalen Entlastung des Menschen unter dem Aspekt des völligen Fortschrittnutzens. High-Level-Empathie inklusive? Aus einem der möglichen Hauptkritik- punkte generiert Wahlster sogar sein vielleicht stärkstes Argument: Eine empathische KI sei längst kein „Nice to have“-Faktor mehr, sondern sogar die entscheidende Brücke zwischen Pro- duktivität und Akzeptanz, denn erst Systeme, welche Stimmungen, Über- forderungen, Unsicherheiten oder Eskalationen präzise identifizieren, könnten kritische Kommunikation deeskalieren, das Lernen auf hohem Niveau individualisieren und ebenso Beratung deutlich wirksamer machen. Natürlich würde dies völlig neue ethi- sche Leitplanken unbedingt erfor- derlich machen. Aber genau in die- sem Spannungsfeld mit diese großen, wenn nicht sogar größten Transfer- aufgabe der (nächsten) Zukunft sieht Wahlster die entscheidenden Akteure aus Forschung, Gesellschaft gefragt. Dr. Silvija Franjic, Jobcoach und Fachredakteurin Fazit: Am Ende sind es wir? In der Verantwortung sind aber auch (immer noch) wir als „Einzelne“ bzw. Entscheider in den Unternehmen und allen anderen verantwortlichen Instanzen. An KI kommen wir nicht mehr vorbei. Also gilt es, auch unser Bewusstsein zu schärfen und unsere persönlichen (wie auch übergeord- neten) Entscheidungen zu treffen. Pragmatisch auf die Arbeit her- untergebrochen kann das bedeuten, mit einer simplen „Check-Liste“ zu agieren: Wie kommen wir zu den neuen Future-Skills (im Einklang mit unserer Moral), in die wir schon heute gefordert sind, uns entsprechend zu stellen und gegebenenfalls auch zu investieren – indem wir uns infor- mieren und (weiter-)bilden. Natürlich betrifft es längst nicht alle Berufe, aber es braucht bald in vielen Berei- chen noch mehr die Aneignung und Stärkung des (Grund-)Verständnisses, wie KI arbeitet, welche Konsequenzen was hat, was durch sie (noch) möglich ist – oder was wir eben keinesfalls wollen. Dies sollte im Einklang mit der Hinterfragung geschehen, wie es um die eigene aktuelle Datenkompetenz, das (informierte) Bewusstsein und das kritische Denken und Fact Checking steht. Außerdem unabdingbar sind als Grundlage das (echte) Verständ- nis für die Prinzipien der KI-Ethik und die entsprechende (implementierte) KI-Governance. Und letztlich zählt natürlich immer das entscheidende Bewusstsein für das Rollenverständnis vom Menschen (als Kapitän) in Zusam- menspiel mit KI (als Co-Piloten). Denn letztlich sind es tatsächlich der Grad an Kontrolle, das Bewusstsein über den Einsatz und die eigene Macht über die Steuerung, welche den entscheiden- den (ethischen) Unterschied machen. Nur unter Einbeziehung dieser Verant- wortung können und dürfen wir auch selbst die echte Verantwortung für die Anwendung von KI nie wirklich ganz abgeben. ■