14 MAGAZIN LOHN+GEHALT Ausgabe 3/2026 Blog „Entgelt & Co.“ Zwischen Realität und Unsicherheit In den letzten Wochen habe ich viele Gespräche ge- führt – in Schulungen, in Projekten, mit Unternehmen unterschiedlichster Branchen. Und ein Eindruck bleibt bei mir immer wieder hängen: Es ist nicht die einzelne Ver- änderung, die gerade beschäftigt. Es ist dieses Gefühl, dass sich vieles gleichzeitig verschiebt und dass man nicht mehr genau greifen kann, wohin eigentlich. dien, in politischen Debatten, aber vor allem in Gesprächen mit Menschen. Es geht nicht mehr nur um Gehalt oder Arbeitszeit. Es geht um Sicherheit, um Perspektiven und um die Frage, wie verlässlich das alles noch ist. Streiks, Diskussionen über Einsparungen, stei- gende Abgaben, all das bleibt nicht abstrakt. Es kommt in den Unterneh- men an und verändert die Stimmung. Man merkt, dass Mitarbeitende ge- nauer hinschauen, sensibler reagie- ren und sich stärker fragen, was die nächsten Jahre bringen. Viele Unternehmen sind dabei eigent- lich gut aufgestellt. Sie haben funk- tionierende Prozesse, gewachsene Strukturen und Betriebsvereinbarun- gen, die über Jahre hinweg entwickelt wurden. Genau diese Stabilität war lange ein Vorteil. Sie hat Sicherheit ge- geben und dafür gesorgt, dass Abläufe zuverlässig funktionieren. Aber gera- de diese Stabilität wird jetzt zur Her- ausforderung. Nicht, weil sie grund- sätzlich falsch ist, sondern weil sie auf eine Realität trifft, die sich schneller verändert, als diese Strukturen mitge- hen können. Und genau hier entsteht die Unsicher- heit, die ich aktuell so oft wahrnehme. Es ist nicht die Frage, ob man etwas umsetzen kann. Es ist die Frage, wie lange das, was heute sauber umgesetzt ist, überhaupt noch trägt. Viele Lösun- gen funktionieren noch, aber sie wer- den aufwendiger, sie brauchen mehr Abstimmung, mehr Kontrolle, mehr Nacharbeit. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt: Das System läuft, aber es wird zunehmend schwerer, es stabil zu halten. Was zusätzlich dazukommt, und das wird häufig unterschätzt: Die politi- sche Ebene wirkt im Moment deutlich stärker in die Praxis hinein als noch vor einigen Jahren. Diskussionen über Einsparungen in der Sozialversiche- rung, über Beitragssätze, über Refor- men oder neue Modelle zur Aktivie- rung von Erwerbstätigkeit sind keine abstrakten Debatten mehr. Sie beein- flussen Entscheidungen in den Unter- nehmen, lange bevor überhaupt etwas final beschlossen ist. Man plant nicht mehr nur mit dem, was gilt, sondern mit dem, was kommen könnte. Und genau das macht viele Entscheidungen gerade so schwierig. Parallel dazu läuft mit KI eine Ent- wicklung, die man nicht mehr igno- rieren kann. Viele Unternehmen be- schäftigen sich damit, teilweise sehr intensiv. Aber zwischen „Wir nutzen KI“ und „Wir haben sie wirklich sinn- voll integriert“, liegt ein großer Un- terschied. Gerade im HR- und Pay- roll-Bereich geht es nicht um einfache Automatisierung, sondern um kom- plexe, rechtlich sensible Prozesse, die aufeinander abgestimmt sein müssen. KI bringt Geschwindigkeit und neue Möglichkeiten. Aber sie bringt auch F rüher war vieles berechenba- rer. Man hatte Themen, die man einordnen konnte. Eine gesetz- liche Änderung hier, eine Anpassung dort, vielleicht mal ein Tarifabschluss. Man konnte reagieren, anpassen und weitermachen. Heute wirkt es an- ders. Die Themen kommen nicht mehr nacheinander, sie kommen gleich- zeitig und greifen ineinander. Wirt- schaftliche Unsicherheit, politische Diskussionen über Einsparungen und die Stabilität der Sozialversicherungs- systeme, steigender Kostendruck in den Unternehmen und gleichzeitig technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz (KI), die längst im Alltag angekommen sind. Und mittendrin stehen Unternehmen, die funktionieren müssen, unabhängig davon, wie klar die Rahmenbedingun- gen gerade sind. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Arbeitsmarkt gerade leise ist. Im Ge- genteil. Er ist unruhig, teilweise ange- spannt, und das spürt man. In den Me-